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Botschafter WU Ken im Interview mit China Rundschau
2020/08/29

(Quelle: China Rundschau)

CR: Wie erlebt China die internationale Zusammenarbeit gegen das Coronavirus und wie bewertet es das diesbezügliche Verhalten Deutschlands? Wie bewerten Sie das deutsche Corona-Krisenmanagement?

Botschafter Wu: Das Virus ist ein gemeinsamer Feind der Menschheit. Daher sind Solidarität und Zusammenarbeit unsere wirksamsten Waffen. Seit Ausbruch der Pandemie stehen die Staats- und Regierungschefs Chinas und Deutschlands in engem strategischen Austausch und arbeiten intensiv zusammen. Beide Regierungen, aber auch Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen beider Seiten haben einander aktiv durch Spenden unterstützt. Außerdem hat China der Bundesregierung bei der Beschaffung von Schutzmaterialien geholfen. Große Mengen dieser medizinischen Hilfsgüter gelangten per „Luftbrücke" von China nach Deutschland. Mediziner und Gesundheitsexperten beider Länder haben wiederholt ihre Erfahrungen per Videokonferenzen ausgetauscht. Zwischen chinesischen und deutschen Unternehmen gab es Kooperationen bei der Durchführung klinischer Impfstoffprüfungen in China. Und auch die Menschen auf beiden Seiten haben sich in vielerlei Hinsicht gegenseitig Mut gemacht, wir haben viele solche berührende Geschichten gesehen.

Mittlerweile sind Seuchenschutz und -prävention Teil des Alltags geworden. Die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben in China und Deutschland kehren allmählich wieder zur Normalität zurück. Beide Länder setzen sich für die Stabilität und Sicherheit der internationalen Produktions- und Lieferketten ein. Gemeinsam mit Deutschland haben wir das erste "Fast-Track"-Verfahren für Reisen zwischen China und Europa auf die Beine gestellt. Über diesen Schnellkanal konnten schon Tausende von deutschen Geschäftsleuten reibungslos nach China zurückfliegen. Wir ergreifen momentan weitere Maßnahmen, um den gegenseitigen Personenverkehr zu erleichtern. Und auch auf multilateraler Ebene gibt es eine enge Abstimmung. China und Deutschland unterstützen entschlossen die Arbeit der WHO sowie die internationale Zusammenarbeit im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Das generiert positive Energien für den weltweiten Kampf gegen COVID-19.

CR: Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Zustand der chinesisch-deutschen Beziehungen? Wie sehen Sie deren zukünftige Entwicklung? Was prägt die chinesisch-deutschen Beziehungen? Welche Themen stehen hier im Vordergrund?

Botschafter Wu: China und Deutschland verbinden eine umfassende strategische Partnerschaft. Unsere bilateralen Beziehungen haben sich in den letzten Jahren auf hohem Niveau entwickelt. Deutschland ist Chinas größter Handelspartner in der EU. China wiederum ist schon seit vier Jahren in Folge wichtigster globaler Handelspartner für Deutschland. Deutschen Statistiken zufolge war Deutschlands Handel mit Ländern wie den USA und Großbritannien im Juni dieses Jahres allgemein rückläufig. Der Handel mit China dagegen ist kräftig gewachsen. Der chinesische Markt wird für die deutsche Wirtschaft damit zu einem immer wichtigeren Impulsgeber zur Überwindung der Coronakrise. Mit Blick auf die Zeit nach der Pandemie ist es für China und Deutschland deshalb umso wichtiger, den Dialog auf allen Ebenen und in allen Bereichen so bald wie möglich wieder in Gang zu bringen, die praktische Zusammenarbeit in vielerlei Hinsicht zu stärken und gemeinsam Freihandel und Multilateralismus zu sichern. Genau dies ist ein zentrales Thema während des Besuchs vom chinesischen Staatsrat und Außenminister WANG Yi Anfang September in Berlin.

CR: Welche Möglichkeiten bietet das Projekt „Neue Seidenstraße" für die deutsche Wirtschaft?

Botschafter Wu: Die „Belt and Road"-Kooperation setzt auf das Prinzip „Mitdiskutieren, Mitgestalten, Mitprofitieren" sowie auf die Grundsätze der Offenheit, Umweltfreundlichkeit und Transparenz. Wir streben nach hohen Standards, greifbaren Vorteilen für die Menschen und umfassender Nachhaltigkeit. Die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit im Rahmen der neuen Seidenstraße liegt im Trend der Zeit. Sie entspricht den realen Bedürfnissen und trägt gewaltiges Kooperationspotential. Das fruchtbarste Projekt der chinesisch-deutschen Zusammenarbeit in diesem Rahmen ist der China-Europa-Güterexpress. Coronavirus hat dafür gesorgt, dass der Flugverkehr zwischen Asien und Europa weitgehend ausgesetzt wurde. Auch die Weltwirtschaft und die globalen Lieferketten wurden gestört. Der China-Europa-Express hingegen konnte entgegen dem Trend in der Krise ein Wachstum erzielen. Die Zahl der Fahrten stieg im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 36%. Damit ist der China-Europa-Express zum großen Garanten für den Transport von Waren und Schutzmaterialien geworden, also zu einer echten „Lebensader". China möchte mit anderen Ländern, Deutschland eingeschlossen, die Neue Seidenstraße zu einer „Straße der Chancen" ausbauen, um die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Nutzen zu vertiefen.

CR: Mit welcher Entwicklung rechnet China für die EU? Was erhofft man sich in China für die Zukunft der chinesisch-europäischen Beziehungen?

Botschafter Wu: China nimmt schon immer eine positive und konstruktive Haltung gegenüber der EU und den chinesisch-europäischen Beziehungen ein. Wir haben den europäischen Integrationsprozess stets unterstützt und freuen uns, dass sich die EU weiterentwickelt und eine größere Rolle in der Weltgemeinschaft spielt. Der Konsens zwischen China und Europa überwiegt bei weitem alle Unterschiede, die Zusammenarbeit ist weit stärker als der Wettbewerb. Staatspräsident Xi Jinping hat es sehr treffend formuliert: China und Europa sollten die beiden Hauptkräfte für Frieden und Stabilität in der Welt sein, die beiden Hauptmärkte zur Förderung von globaler Entwicklung und Wohlstand und die beiden großen Zivilisationen für die Aufrechterhaltung des Multilateralismus und die Verbesserung der Global Governance. Ziel muss es sein, dass die chinesisch-europäischen Beziehungen in der Post-Corona-Zeit noch stabiler und reifer werden, und dass wir unsere Zusammenarbeit auf eine noch höhere Ebene bringen.

Die deutsche Bundesregierung hat die chinesisch-europäischen Beziehungen zu einer Priorität auf ihrer außenpolitischen Agenda während der EU-Ratspräsidentschaft gemacht, worüber wir uns sehr freuen. Wir wünschen Deutschland viel Erfolg und hoffen, dass sich die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland sowie auch zwischen China und der EU in dieser Zeit tiefer und weiter entwickeln wird. Gemeinsam mit Deutschland und der EU möchten wir eine Reihe wichtiger politischer Agenden weiter voranbringen und die chinesisch-europäischen Beziehungen so auf eine neue Ebene heben.

CR: Wie stehen die Chancen für Entspannung zwischen China und den USA? Was braucht es hierfür? Welche Rolle will China langfristig in der Welt spielen?

Botschafter Wu: Die chinesisch-amerikanischen Beziehungen stehen derzeit vor der schwersten Bewährungsprobe seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Hauptgrund hierfür ist, dass einige politische Kräfte in den USA Vorurteile und Hass gegenüber China hegen. Sie nutzen ihre Macht, um Lügen zu fabrizieren und China böswillig zu diskreditieren. Es werden verschiedenste Vorwände gesucht, um dem normalen Austausch zwischen beiden Ländern Steine in den Weg zu legen. Manche Akteure versuchen gar, die chinesisch-amerikanischen Beziehungen in eine Art „neuen Kalten Krieg" zu drängen. Dies ist ein gefährliches Spiel und ein historischer Rückschritt. Es untergräbt nicht nur die vitalen Interessen beider Länder, sondern schadet auch Stabilität und Wohlstand weltweit.

Chinas Politik gegenüber den Vereinigten Staaten ist nachhaltig und stabil. Sie steht schon immer im Geist der Konfliktlosigkeit und Nicht-Konfrontation, setzt auf gegenseitigen Respekt und Win-win-Zusammenarbeit. Gemeinsam mit den USA wollen wir koordinierte, kooperative und stabile Beziehungen aufbauen. Gleichzeitig sind wir aber auch darauf gefasst, Hindernisse in unseren Beziehungen zu überwinden und Stürme auszuhalten. China ist bereit, der Impulsivität und Aufgeregtheit der Vereinigten Staaten mit Ruhe und Vernunft zu begegnen.

Ich möchte betonen, dass China nie seine Weltanschauung exportiert oder sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischt. Doch wir verteidigen konsequent unsere Souveränität und die territoriale Integrität unseres Landes und wahren unsere legitimen Entwicklungsrechte und -interessen. Als größtes Entwicklungsland der Welt und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates wird China weiterhin ohne wenn und aber den Weg der friedlichen Entwicklung beschreiten. Wir werden unser Land im Geist des gegenseitigen Nutzens konsequent öffnen. Wir sind und bleiben Förderer des Weltfriedens, Beitragender zur globalen Entwicklung sowie Verteidiger der internationalen Ordnung.

CR: Wie bewerten Sie die China-Darstellung und -Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien? Wie vollständig ist das Bild, das diese von China vermitteln?

Botschafter Wu: In China leben 1,4 Milliarden Menschen aus 56 ethnischen Gruppen. Unser Land ist mehr als doppelt so groß wie alle EU-Mitgliedsstaaten zusammen. Zudem entwickelt sich China rasant und jeden Tag gibt es unzählige "China-Geschichten" und chinesisch-deutsche Geschichten zu entdecken. Viele deutsche Freunde, die in China waren, haben mir berichtet: was sie gesehen haben, will so gar nicht mit dem Chinabild decken, das sie aus den deutschen Medien oder ihrer Vorstellung kennen. Das zeigt, dass es noch immer ein "Wahrnehmungsdefizit" der deutschen Öffentlichkeit gegenüber China gibt. Dies hängt sicherlich auch mit der einseitigen, ja teils sogar falschen Berichterstattung einiger deutscher Medien zusammen. Ich hoffe, dass "China Info" dem heimischen Publikum ein wahres Bild von China vermitteln, und zwar durch eine umfassende und objektive Berichterstattung mit Tiefgang.

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