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Botschafter Wu Hongbo gab der Berliner Zeitung sein erstes Interview seit seinem Amtsantritt vor kurzem
2009/09/15

Am 10. September 2009 gab Herr Botschafter Wu Hongbo der Berliner Zeitung sein erstes Interview seit seinem Amtsantritt in Deutschland am 20. August 2009. Die Fragen stellte Herr Frank Herold. Hier das Interview im Wortlaut wie folgend:

--Berliner Zeitung: Herr Botschafter, vielen Dank dafür, unserer Zeitung das Interview zu gewähren. Können Sie Ihre Eindrücke über Berlin bzw. Deutschland sagen? Oder ist das noch zu früh für Sie?

--Wu: Zuerst herzlich willkommen in unserer Botschaft! Ich traf am 20. August in Berlin ein und bin seither ein Berliner. Hiermit möchte ich per Ihre Zeitung alle Bürgerinnen und Bürger von Berlin grüßen. Bevor ich zum Botschafter in Deutschland ernannt wurde, fungierte ich als Assistierender Außenminister Chinas und war zuständig für die europäischen bzw. die deutschen Angelegenheiten. Ich war beim Empfang Ihres Bundespräsidenten, Ihrer Bundeskanzlerin und Ihres Vizekanzlers bzw. Außenministers anwesend. Ich hatte Deutschland dreimal besucht: Zum ersten Mal als Begleitung vom chinesischen Vize-Ministerpräsidenten des Staatsrates Zhang Dejiang, zum zweiten Mal als Begleitung vom Ministerpräsidenten Wen Jiabao im Januar dieses Jahres und zum dritten Mal zu einer politischen Konsultation mit den Amtskollegen Ihres Auswärtigen Amtes.

Ich interessiere mich sehr für die Geschichte. Deutschland hat meine Aufmerksamkeit sehr gezogen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine gute Eindrücke über Deutschland vor 1949. Denn im Jahr 1900 eroberten die Allierten der acht Mächte Chinas Hauptstadt Beijing, deren Befehlshaber ein Deutscher namens Waldersee war. Die Jiaozhou-Bucht der chinesischen Provinz Shandong wurde von der deutschen Truppe besetzt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie nach der Pariser Konferenz 1919 statt an China an Japan übergeben. Als Folge davon brach am 4. Mai 1919 in Beijing die erste Revolution in der chinesischen Geschichte aus. Darüber hinaus erklärte chinesische Regierung Deutschland Krieg während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Die beiden Weltkriege waren Katastrophen für alle Völker in der Welt. Sowohl das deutsche als auch das chinesische Volk waren Opfer von den beiden Kriegen. So sind etwa meine Eindrücke über Deutschland vor 1949.

Aber es ist mir aufgefallen, dass Deutschland im Jahr 1949 eine Verfassung bzw. das Grundgesetz ausarbeitete und in Kraft brachte, worin festgeschrieben wird, dass Deutschland einen friedlichen Entwicklungsweg schreiten und keinen Krieg führen wird. Ich freue mich darüber, dass das deutsche Volk die historisch richtige Entscheidung getroffen hat. Das andere, das mich tief beeindruckt hat, ist die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990. Weil China die vollständige Vereinigung des Landes noch nicht realisiert hat, so freuen wir uns umso mehr über die verwirklichte nationale Vereinigung des deutschen Volkes. Drei Ereignisse in Bezug auf Deutschland haben mich tief beeindruckt und eher gerührt: 1. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs risikierte ein Deutscher namens Rabe, der damalige Geschäftsführer von Siemens in China, zusammen mit den anderen Ausländern in Nanjing sein Leben, um mehr als 200 000 Chinesen vor den japanischen Aggressoren zu retten. Das war Ausdruck des Gewissens des deutschen Volkes. 2. Im Jahr 1970 besuchte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt Polen. Er kniete vor der Gedenkstätte für die ermordeten Juden, was den Mut der deutschen Regierung und des deutschen Volkes, sich vor die Fehler der Geschichte zu stellen, zum Ausdruck brachte. 3. Es war für mich rührend, was nach dem verheerenden Erdbeben in Wenchuan, Provinz Sichuan Chinas, im letzten Jahr geschah. Bei der Veranstaltung "Deutschland und China, gemeinsam in Bewegung" in Chongqing gaben chinesische und deutsche Künstler gemeinsam ein Konzert und sammelten dadurch große Summe von Spenden für die Opfer des Erdbebens in Sichuan. Mit einem Wort: Zwar gab es in den vergangenen 109 Jahren Schwierigkeiten und Probleme in den bilateralen Beziehungen zwischen China und Deutschland, aber die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern bleibt unverändert. Auf dieser Grundlage bin ich zuversichtlich für die weitere Entwicklung der bilateralen Beziehungen.

--Berliner Zeitung: Sie haben gesagt, die deutsch-chinesischen Beziehungen seien sehr eng. Aber manche deutsche Politiker wollen chinesische Investoren zwingen, in Deutschland zu investieren. Was halten Sie von diesen Politikern?

--Wu: Für die Investition sollten sich beide Seiten bemühen. Die chinesische Wirtschaft entwickelt sich schnell. Viele chinesische Unternehmer möchten gerne ins Ausland investieren bzw. Joint-ventures gründen. Aber allein guter Wunsch reicht nicht aus. Dazu braucht man noch Erfahrungen, Know-hows und qualifiziertes Managementspersonal. Umgekehrt sollen die anderen Länder, einschließlich Deutschland, eine günstige und angenehme Atmosphäre für die chinesischen Investoren schaffen. Nach meinem Eindruck gibt es in manchen Ländern Befürchtung über die Investitionen aus China. Die gegenseitigen Investitionen zwischen China und Deutschland zu fördern, gehört zu meinen Zielen während meiner Amtszeit in Deutschland.

--Berliner Zeitung: Es gibt in Deutschland gewisse Angst, dass China mit dem Staatsfonds in Deutschland investiert. Ist diese Angst begründet?

--Wu: Man braucht keine Angst vor dem chinesischen Staatsfonds zu haben. Denn Chinas Staatsfonds funktioniert ebenfalls nach den geschäftlichen Regeln. Und alle Investitionstätigkeiten in Deutschland durch den chinesischen Staatsfonds richten sich selbstverständlich nach den deutschen Gesetzen. Die Angst deutscher Seite könnte folgende zwei Gründe haben: Erstens weiß man in Deutschland nicht viel vom chinesischen Staatsfonds und zweitens mangelt es an gegenseitigem Verständnis.

--Berliner Zeitung: Wofür interessieren sich die chinesischen Investoren besonders?

--Wu: Die chinesischen Investoren haben Interesse für viele Bereiche, wie z.B. den Automobilbau und Maschinenbau. Hier verfügt Deutschland über sehr gute Technologien, und die deutschen Produkte sind von guter Qualität. Durch das Investment möchten wir das Niveau unseres Managements und unserer Technik erhöhen. Es gibt in China viele unterschiedliche Unternehmen, die unterschiedliche Interessen haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Geschäftsleute ungerne Chancen verpassen, sobald sich eine bietet.

--Berliner Zeitung: China hat ein großes Programm für den Umweltschutz ausgearbeitet. Gibt es in Bezug darauf auch Chancen für deutsche Unternehmen?

--Wu: In der Tat haben wir im letzten Jahr eine große Summe in den Bereich Umweltschutz investiert. Der Umweltschutz wird in China als eine grundlegende Staatspolitik betrachtet. Wir möchten nicht nur Wirtschaft entwickeln, sondern auch den Nachkommen eine gute und schöne Umwelt hinterlassen. Die Wirtschaft nachhaltig zu entwickeln ist unser Ziel, wofür wir uns große Anstrengungen unternommen haben. Ich nenne Ihnen ein einfaches Beispiel dafür: z.B. Aufforsten. Es gibt in Deutschland viele Bäume, was mir sehr gefällt. China hat eine Fläche von 9,6 Mio. Quadratkilometern, wovon die aufgeforstete Fläche 18,21% ausmacht. Wir haben vor, in den kommenden zwei Jahren diese Zahl auf 20% zu erhöhen. Die Erhöhung von knapp 2% entspricht 200 000 Quadratkilometern in China, was nur ein bisschen kleiner als die Gesamtfläche Deutschlands darstellt. Es gibt immer mehr Unternehmen inklusive Einzelpersonen aus den asiatischen Ländern, die sich in China mit dem Aufforsten beschäftigen. China und Deutschland haben gute Zusammenarbeit in den Bereichen wie Umweltschutz, sauberen Energien und Müllentsorgung. Neben Verstärkung der bestehenden Kooperation möchte ich der deutschen Seite vorschlagen, in den folgenden Bereichen mit China zusammenzuarbeiten, z.B. Auto mit neuen Energien und Low-Carbon-Ökonomie. Beim Umweltschutz gibt es viele Bereiche, wobei sich Technologien schnell entwickeln, weil viele Länder sie entwickeln und erforschen. Die Technik, die in Deutschland ausgereift ist, kann in China angewendet werden. In manchen Bereichen können beide Seiten gemeinsame Forschung durchführen.

--Berliner Zeitung: Die wirtschaftlichen Systeme in Deutschland und China mögen sich ähneln, die politischen sind grundverschieden. Ist das nicht ein Hindernis für die Partnerschaft?

--Wu: Ich sehe darin kein Hindernis. China und Deutschland haben nicht nur verschiedene politische Systeme, sondern auch unterschiedliche historische Entwicklung sowie kulturelle Traditionen. Hier ein Beispiel: Am 3. September habe ich dem deutschen Bundespräsidenten mein Beglaubigungsschreiben überreicht. An dem Tag war eine gelbe Fahne bei der ersten Polizeilimousine in der protokollarischen Autokolonne gehisst. In China benutzt man gelbe Fahne eigentlich nur für Wagen, die Sprengstoffe transportieren. Das war nur einer von den Unterschieden. Ich bin der Ansicht, dass China und Deutschland seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor 37 Jahren trotz der Unterschiede der Ideologien und der politischen Systeme von der Gesamtlage der bilateralen Beziehungen und den Grundinteressen beider Völker ausgehend das Verständnis gefördert, das gegenseitige Vertrauen verstärkt und die Unterschiede abgebaut haben. Auf dieser Grundlage können sich die bilateralen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern kontinuierlich entwickeln. Das Handelsvolumen zwischen China und Deutschland betrug im letzten Jahr 115 Milliarden US-Dollar, was dem Handelsvolumen Chinas mit Großbritannien, Frankreich und Italien zusammengerechnet entspricht. Daran kann man erkennen, wie gut unsere Kooperation in Wirtschaft und Handel funktioniert. Wegen unterschiedlicher politischer Systeme vertreten wir bei manchen Fragen verschiedene Auffassungen. Ich finde das ganz normal und bin davon überzeugt, dass die beiden Seiten Schwierigkeiten überwinden und die bilateralen Beziehungen, sowohl politisch als auch wirtschaftlich, vorantreiben können, soweit sich beide Seiten nach dem Prinzip gegenseitigen Verständnisses, gegenseitigen Respekts und der Nichteinmischung in die jeweiligen inneren Angelegenheiten bemühen.

--Berliner Zeitung: Sie haben kurz das gegenseitige Verständnis erwähnt. Für die Menschenrechtspolitik Chinas gibt es in politischen Kreisen Deutschlands nicht so viel Verständnis. Ist China dabei, etwas zu ändern?

--Wu: Das Menschenrechtsthema wird in Deutschland bzw. in der ganzen Welt viel diskutiert. Manche behaupten, China missachte Menschenrechte. Wer meint, dass China gegen die Menschenrechte ist, der irrt sich total. Viele Menschen wissen wenig von der chinesischen Menschenrechtspolitik. In der Tat hat China viele internationale Abkommen und Vereinbarungen über Menschenrechte unterzeichnet und mit vielen Ländern, einschließlich Deutschland, Menschenrechtsdialoge geführt. In den vergangenen 60 Jahren haben wir für die Wahrung und Entwicklung der Menschenrechte große unermüdliche Bemühungen unternommen. Beispielsweise ist das allerwichtigste Menschenrecht das Recht auf das Leben. Als die Volksrepublik China 1949 gegründet wurde, betrug das Pro-Kopf-BIP der Chinesen nur 35 US-Dollar. Und es ist jetzt auf mehr als 3000 US-Dollar gestiegen. Im Vergleich zu Deutschland stehen wir selbstverständlich im großen Rückstand. Ein weiteres Beispiel ist: 1949 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Chinesen 35 Jahre, und heute 73 Jahre. Hier spreche ich nicht über eine oder zwei Personen, auch nicht über eine Million oder zehn Millionen Menschen, sondern über 1,3 Milliarden Menschen, was ein Fünftel der Weltbevölkerung ausmacht. Des weiteren haben wir seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1978 insgesamt 250 Mio. Chinesen von der absoluten Armut befreit. Nach UNO-Statistiken kamen in den letzten 25 Jahren zwei Drittel der Erfolge bei der weltweiten Armutsbekämpfung aus China. In China gibt es gegenwärtig knapp 350 Millionen Internetbenutzer, deren Zahl größer als die der Gesamtbevölkerung der USA ist. Sie machen der chinesischen Regierung per Internet Vorschläge, wozu auch kritische Meinungen gehören. Natürlich ist die Menschenrechtssituation in keinem Land einschließlich China perfekt. Aber wir sind bereit, von anderen Ländern in diesem Bereich zu lernen, um die Menschenrechte in China zu fördern.

--Berliner Zeitung: Eine letzte Frage vielleicht. Wie Sie wissen, haben die USA Deutschland gebeten, gefangene Uiguren aus dem Lager Guantanamo aufzunehmen. Kann das zum Konflikt im deutsch-chinesischen Verhältnis führen?

--Wu: Diese Uiguren sind chinesische Staatsbürger und wurden im Antiterror-Krieg in Afganistan von der US-Armee festgenommen. Wie sie behandelt werden sollen, sind wir der folgenden Ansicht: Erstens sind sie Mitglieder der radikal-islamischen Terrororganisationen "Ost-Turkestan-Bewegung", die von der UNO in die Namenliste der Terrororganisationen aufgenommen wurden. Zweitens wurden sie im Terrorcamp militärisch ausgebildet und während militärischer Aktionen festgenommen. Einer der terrorverdächtigen Uiguren, der schon von den USA in ein anderes Land geführt worden war, behauptete, was er könne, sei nur AK 47 zu benutzen. Drittens sind diese Uiguren chinesische Staatsbürger und unterstehen selbstverständlich der Zuständigkeit der chinesischen Justiz. Deshalb haben wir die US-Regierung aufgefordert, diese Personen nach China auszuliefern bzw. vor ein chinesisches Gericht zu stellen. Wir gehen davon aus, wenn die USA Terrorverdächtige mit chinesischer Staatsbürgerschaft an die Länder überführen wollen, die diplomatische Beziehungen mit China unterhalten, dann verfolgen sie die Absicht, die Beziehungen zwischen China und den betroffenen Ländern zu stören. Denn man kann dabei mit Recht die Frage stellen: Wenn die Verdächtigen wirklich so unschuldig und ungefährlich wären, warum dürfen sie nicht in den USA bleiben? Wir sind ganz sicher, dass die deutsche Bundesregierung und die betreffenden Behörden der Bundesländer dazu eine klare Sicht haben und von der Gesamtsituation der Beziehungen zwischen China und Deutschland ausgehend dieses Thema umsichtig behandeln werden.

--Berliner Zeitung: Vielen Dank für das Interview!

--Wu: Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und freue mich auf unser nächstes Wiedersehen.

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