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Chinesischer Botschafter: „Ein ernster Handelskonflikt"
2018/04/10

Der chinesische Botschafter Shi Mingde über die Wirtschaftskontakte mit Thüringen, den Zollstreit mit den USA und politische Freiheiten.

09. April 2018 / 04:50 Uhr(Thüringer Allgemeine)

Auf der Suche nach neuen Partnerschaften in Thüringen: Der chinesische Botschafter Shi Mingde während des TA-Interviews. Foto: Sascha Fromm

Erfurt. Der chinesische Botschafter Shi Mingde(63) ist Deutschlandkenner. Er verbrachte in der DDR und später in der Bundesrepublik – mit einigen, längeren Unterbrechungen – etwa zwei Jahrzehnte seines Lebens. Shi Mingde studierte in den 1970er-Jahren unter anderem Germanistik in Ostberlin, war später Mitarbeiter und Sekretär in der chinesischen Botschaft in der DDR. Dort erlebte er auch den Mauerfall. 1993 wurde er Botschaftsrat in Bonn, ab 2002 war er Gesandter in Berlin. 2010 ernannte man ihn zum Botschafter in Österreich, seit 2012 amtiert er in dieser Funktion in Deutschland.

Ende vergangener Woche besuchte Shi MingdeThüringen, traf Unternehmer und Landespolitiker – und besichtigte das Druckhaus der Mediengruppe in Erfurt. Eine Stunde nahm er sich Zeit für ein Gespräch mit der Redaktion der Thüringer Allgemeinen.

Herr Botschafter, mal ehrlich: Wie wichtig ist Thüringen mit seinen gut zwei Millionen Einwohnern für China, wo 1,3 Milliarden Menschen leben?

Sehr wichtig, und das sage ich nicht aus Höflichkeit. Als ich damals, vor mehr als 40 Jahren, in Berlin Germanistik studierte, gehörte es einfach dazu, nach Thüringen zu kommen. Das waren regelrechte Pilgerreisen nach Weimar. Dazu diese Landschaft! Wir reden ja heute natürlich, wenn es um Partnerschaften geht, zuerst über die Wirtschaft. Aber es geht um viel mehr, um Kultur, um geistigen Austausch. Die Dichter, Philosophen und Komponisten, die hier lebten, sind in China sehr bekannt. Goethe, Schiller, Bach: Das gehört bei uns zum Allgemeinwissen. Die Einwohnerzahlen spielen da keine Rolle.

Immerhin, aus Thüringer Sicht ist China größter Handelspartner. Der Jahresumsatz beträgt zwei Milliarden Euro. Geht da noch was?

Unbedingt. Die Basis ist gut, doch ich sehe noch viel Potenzial. Ich bin ja auch deshalb in Thüringen unterwegs, um herauszufinden, wie willkommen chinesische Investoren im Land sind.

Und, fühlen Sie sich willkommen?

Durchaus. Um die 200 Thüringer Unternehmen sind ja schon bei uns in Chinaunterwegs, es gibt erfolgreiche Partnerschaften zwischen den Universitäten, der Studentenaustausch funktioniert.

Es existieren aber gleichzeitig viele Bereiche, wo wir uns eine engere Zusammenarbeit vorstellen können, von der Zulieferindustrie über den Maschinenbau bis hin zur optischen Industrie. Es gab zu DDR-Zeiten eine enge Kooperation mit Carl Zeiss Jena.

Nach der Wende begann dann zwischen den neuen Ländern und China eine Entfremdung, während die Geschäftsbeziehungen mit Bundesländern wie Hamburg, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg ausgebaut wurden. Da wollen wir auch mit Thüringen hin.

Thüringen und die Provinz Shaanxi sind Partnerregionen. Viel hört man davon aber nicht. Warum?

Es gibt, wie gesagt, noch viel Potenzial. In Shaanxi sind Unternehmen angesiedelt, die hervorragend geeignet sind, mit Firmen in Thüringen zu kooperieren. Dasselbe gilt für die Hochschulen. An manchen Stellen müssen vielleicht noch Vorbehalte abgebaut werden.

Wie meinen Sie das?

Es gibt zuweilen Ängste vor chinesischen Investoren. Manchmal lese ich in deutschen Medien die Warnung von einer chinesischen Invasion. Doch das ist unbegründet, wenn man die Fakten betrachtet. Deutsche Unternehmen haben in China 80 Milliarden Euro investiert, wir umgekehrt nur acht Milliarden in Deutschland – also gerade einmal ein Zehntel. Zudem sind die Restriktionen in Deutschland, was Beteiligungen angeht, strikter als in China, wo ausländische Investoren inzwischen auch die Mehrheit von Firmen übernehmen dürfen.

Vielleicht gibt es auch Vorbehalte, weil zum Beispiel die deutsche Solarindustrie darunter leidet, dass die chinesische Konkurrenz mit Billigpreisen den Markt dominiert. Kürzlich gingen Solarworld und damit deren Werk in Arnstadt erneut pleite.

Wieder halte ich die Fakten dagegen. Erstens: 80 Prozent der Maschinen und der Rohstoffe, mit denen die Solarzellen in China produziert werden, wurden aus Deutschland exportiert. Und zweitens: Dass es bei Ihnen preiswerte Solaranlagen zu kaufen gibt, kommt dem Verbraucher und dem Klimaschutz zu Gute. Durch die niedrigen Arbeitskosten in China sind wir nur bei der Verarbeitung Teil der Wertschöpfungskette.

Aber werden die Preise chinesischer Solarpanels nicht durch die Subventionen künstlich gedrückt?

Die deutsche Solarindustrie ist vor allem in den Anfangsjahren kräftig durch den Staat gefördert worden.

Wenn jetzt ein Unternehmen wie Solarworld insolvent geht, hat das vor allem mit Managementfehlern zu tun und nicht mit Subventionen für die Konkurrenz. China hat kein Interesse an Handelskonflikten und Förderwettbewerben. China hat Interesse an freiem und fairem Welthandel.

Damit sieht es gerade nicht so gut aus. Befindet sich China schon im Handelskrieg mit den USA – oder beginnt er gerade erst?

Ich rede ungern von Handelskrieg. Doch es handelt sich um einen ernsten Handelskonflikt, der gerade eskaliert. Die America-First-Politik des US-Präsidenten gefährdet den Wohlstand auf der ganzen Welt, weil alles mit allem verbunden ist. Die EU ist auch direkt von den neuen Zöllen betroffen – und indirekt über die Handelsbeziehungen mit uns. Ein Viertel der in den USA produzierten Autos von Daimler und BMW geht nach China.

Aber China hält bei den Zöllen gegen Donald Trump. Auge um Auge: Ist das die richtige Strategie?

Die Botschaft, die wir gleichzeitig aussenden, ist dieselbe wie bisher: Wir wollen keinen Konflikt. Wir wollen Gespräche im Rahmen der internationalen Verträge und der Welthandelsorganisation mit ihrer Gerichtsbarkeit. Einseitig mit nationalem Recht Zölle zu erheben, ist eine Rückkehr zum Protektionismus, den wir alle gemeinsam – China, Europa, die Schwellenländer – nicht akzeptieren können.

China zusammen mit der Europäischen Union in einer Allianz gegen die USA: Hätten Sie sich das früher vorstellen können?

Es geht nicht darum, gegen die USA etwas zu tun. Es geht darum, mit den Vereinigten Staaten etwas zu tun und wieder auf die Ebene der Kooperation und Gespräche zu gelangen. Ansonsten stimme ich Ihnen zu: Es hat sich viel verändert, seit ich 1972 in den Zug stieg, um in zehn Tagen von Peking nach Berlin zum Studium zu fahren. Damals hatte China einen Anteil von 1,8 Prozent an der Wirtschaftsleistung der Welt. Heute sind es 15 Prozent.

Die wirtschaftliche Öffnung unseres Landes,, die wir seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001 beschleunigen, hat zu enormen Fortschritten geführt.

Es gab in Deutschland die Hoffnung, dass China parallel zur wirtschaftlichen Öffnung auch die politische Öffnung vollzieht. Stattdessen wird die Macht immer stärker beim Politbüro der Kommunistischen Partei und beim Präsidenten zentralisiert.

Das ist die westliche Sicht. Ich verstehe ja, dass gerade in Deutschland nach der Besatzung durch die Sowjetunion und 40 Jahre DDR der Sozialismus nicht im hohen Ansehen steht. Aber der chinesische Weg war spätestens seit den 1970er Jahren ein anderer.

Und seit den 1990er Jahren existieren bei uns Marktwirtschaft und Sozialismus nebeneinander, mit großem Erfolg.

Wir haben 700 Millionen Menschen aus der Armut herausgeholt.

Sie waren im November 1989 in der DDR . . .

. . . ja, ich stand sogar in Berlin direkt an der Bornholmer Brücke in der Nacht, als dort die Mauer fiel. Ich habe Hunderte Dias gemacht.

Damals ging es den Menschen in der DDR auch um Wohlstand, aber doch vor allem um politische Grundfreiheiten. Gibt es unabhängig von irgendeiner westlichen Sicht nicht eben auch die universellen Menschenrechte?

Natürlich. In China gibt es zum Beispiel Reisefreiheit, allein nach Deutschland fahren im Jahr 1,3 Millionen Chinesen – von denen, das nur nebenbei, mehr nach Thüringenkommen sollten. Doch das westliche Demokratiemodell ist nicht dafür geeignet, ein Land wie China zu regieren. Trotz allen Fortschritts haben wir extreme Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land, enorme Umweltprobleme und gewaltige Transformationsprozesse. Wir wollen mehr Mitsprache und Teilhabe ermöglichen, gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Öffnung, die wir nochmals forcieren.

Aber bei allem Respekt vor Deutschland und seinem Regierungssystem: Ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen steht vor ungleich größeren Aufgaben als ein Land mit 80 Millionen.

Thomas Bärsch, Martin Debes / 09.04.18

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