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Ansprache von Botschafter Wu Ken auf dem Deutschen Logistik-Kongress 2019
23.10.2019, Berlin, es gilt das gesprochene Wort

Sehr verehrter Vorstandsvorsitzender der BVL Herr Blackburn,

sehr verehrter regierender Bürgermeister Herr Müller,

sehr verehrter Herr Wimmer,

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Guten Abend!

Zunächst danke ich der Bundesvereinigung Logistik für ihre Einladung. Es ist mir eine große Freude, mich mit den heutigen Gästen über das Thema Belt and Road Initiative (kurz gesagt BRI, auch bekannt als neue Seidenstraße) auszutauschen.

Der Begriff “Seidenstraße” ist unlösbar mit Deutschland verbunden. Er wurde im Jahre 1877 von dem deutschen Geographen Ferdinand von Richthofen erfunden und ist längst zum Allgemeingut geworden. Doch die Erschließung der Seidenstraße reicht mehr als 2100 Jahre in die Vergangenheit zurück. In der Han Dynastie wurde der chinesische Beamte Zhang Qian zweimal nach Zentralasien entsandt und stieß damit das Tor für freundschaftliche Beziehungen zwischen China und den zentralasiatischen Ländern auf. Gleichzeitig eröffnete er damit eine Querverbindung von Ost nach West, die als Seidenstraße an die Handelswege nach Europa anknüpfte. Chinesische Waren wie Seide, Porzellan und Tee flossen in alle Teile der Welt, auch der Konfuzianismus und die chinesische Kultur verbreiteten sich durch die Seidenstraße. Damit wurde ein großes Kapitel in der Geschichte des Austausches zwischen Ost und West geschrieben.

Heute, 2100 Jahre später, sehen wir uns in einer Ära ständiger Herausforderungen und zunehmender Risiken. Der Unilateralismus und der Protektionismus bedrohen in ernster Weise Frieden und Stabilität in der Welt, und kein einziges Land kann verschont bleiben. Die richtige Antwort heißt, eine überregionale Zusammenarbeit von noch größerem Ausmaß, auf noch höherem Niveau und auf noch mehr Ebenen in Gang zu setzen. Als Staatspräsident Xi Jinping im Jahre 2013 die Initiative zur internationalen Zusammenarbeit bei der Errichtung einer Neuen Seidenstraße vorlegte, zielte er auf die Verbesserung der Konnektivität und die Vertiefung der pragmatischen Zusammenarbeit, um Hand in Hand den Risiken und Herausforderungen der Menschheit zu begegnen, und die gemeinsame Entwicklung zum gegenseitigen Vorteil voranzutreiben.

Welche Erfolge wurden in den ersten sechs Jahren der BRI erzielt? Das Vorhaben ist auf immer breitere internationale Unterstützung und Zustimmung gestoßen. Bis heute haben bereits mehr als 160 Länder und internationale Organisationen mit China 195 Regierungsabkommen unterzeichnet. Die Vereinten Nationen, die G20 und die APEC haben schon die BRI sowie die darin enthaltenen Kernpunkte in ihre Abschlussdokumente aufgenommen.

In diesen sechs Jahren hat das gesamte Handelsvolumen Chinas mit den Staaten der BRI 6 Bill. Dollar überschritten, und mehr als 90 Mrd. US-Dollar Direktinvestitionen sind in die betreffenden Länder geflossen. Eine Vielzahl von Kooperationsprojekten ist vor Ort ins Leben gerufen worden. Somit hat die BRI dem internationalen Handel und Investitionen eine neue Plattform geboten und neue Spielräume für das Wachstum der Weltwirtschaft geschaffen.

In diesen sechs Jahren hat China gemeinsam mit den beteiligten Ländern 82 Industrieparks gegründet, die den Gastgeberländern mehr als 2 Mrd. US-Dollar Steuereinnahmen bescherten und etwa 300,000 Arbeitsplätze schufen. Die Kooperation hat der lokalen Bevölkerung bessere Lebensbedingungen, besseres Geschäftsklima sowie immer mehr Entwicklungschancen gebracht.

Viele der heutigen Gäste sind Vertreter der Logistikbranche. Laut einem Bericht der Weltbank werden sich nach Fertigstellung aller Verkehrsprojekte der BRI die Transportzeiten für die Anrainerstaaten um 12% verringern, der Handel wird um 2,8% bis 9,7% wachsen, und 7,6 Mill. Menschen werden von extremer Armut befreit. Diese Erfolge haben verdeutlicht, dass die BRI ihren Ausgang zwar in China nimmt, ihre positiven Auswirkungen jedoch auf die ganze Welt ausstrahlen.

Was aber haben China und Deutschland in diesen sechs Jahren beim Aufbau der BRI an frühzeitigen Erfolgen geerntet? Seit meinem Amtsantritt beobachte ich, wie auf deutscher Seite das Verständnis für die BRI ständig zunimmt. Die Eisenbahnverbindung zwischen China und Europa ist in diesem Zusammenhang zweifellos das wirkungsvollste Projekt. Der Zeitaufwand liegt bei rund 30% des Schiffstransportes, und die Kosten liegen bei einem Fünftel der Luftfrachten: Die Vorteile liegen also auf der Hand. Bis heute sind bereits mehr als 17,000 Züge gefahren, von denen 40% zwischen China und Deutschland verkehrten. Die Verbindungen führen in über 50 Städte in 15 Ländern und sorgen für eine ausgewogene Auslastung in beiden Richtungen.

Betrachten wir zum Beispiel die Stadt Duisburg. Ich glaube, Herr Staake kann das bestätigen. Seit dem Besuch Xi Jinpings im März 2014 hat der Zugverkehr zwischen China und Europa nicht nur die Menge der umgeschlagenen Güter im Duisburger Hafen anwachsen lassen, sondern auch Investitionen chinesischer Unternehmen angeschoben, so dass die Zahl der in Duisburg angesiedelten Firmen seitdem von 40 auf über 100 anstieg. Allein im Bereich Logistik entstanden im Duisburger Hafen rund 3000 neue Arbeitsplätze.

Als einer der wichtigsten Knotenpunkte der BRI profitiert Hamburg unmittelbar davon. Von den heutzutage im Hamburger Hafen verladenen Containern kommt durchschnittlich jeder dritte aus China oder ist auf dem Weg dorthin. 15 Schifffahrtslinien verbinden den Hamburger Hafen mit den Häfen Chinas. China ist inzwischen Hamburgs größter Handelspartner weltweit. Der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Hafen und Logistik AG stellt fest und ich zitiere: „In den letzten Jahren hat sich die Logistikkette deutlich verändert; zur Zeit beobachten wir im Rahmen der BRI ein stetiges Wachstum der über Land transportierten Güter.“ Zitat Ende.

Außerdem gehört die deutsche Automobilindustrie vom Volumen her zu den größten Kunden des Zugverkehrs zwischen China und Deutschland. Meines Wissens sendet die Firma BMW wöchentlich drei Züge mit Autobauteilen nach China, und die Firma Porsche transportiert 11% ihrer nach China exportierten Fertigfahrzeuge auf der Schiene. Man kann sagen, dass der Zugverkehr zwischen China und Europa zur längsten Kooperationsverbindung auf dem eurasischen Kontinent geworden ist und dem regionalen Wirtschaftswachstum und der logistischen Entwicklung neue Impulse verleiht.

Meine Damen und Herren!

In diesem Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Gründung des Neuen China, und wir blicken auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Deutschland vor 47 Jahren zurück. Mit dem Motto “Kooperation zum gegenseitigen Nutzen” werden die Beziehungen zwischen China und Deutschland weiter ausgebaut und haben inzwischen eine nie dagewesene Breite, Tiefe und Intensität erreicht. Die bilateralen Beziehungen in Wirtschaft und Handel haben sich ständig vertieft. Im Jahre 2018 lag das bilaterale Handelsvolumen zwischen China und Deutschland bei etwa 200 Mrd. Euro, und Deutschland behauptete über 43 Jahre hinweg seine Position als Chinas größter Handelspartner in Europa, während China seit drei Jahren zu Deutschlands größtem Handelspartner weltweit aufgestiegen ist. Seit China eine neue Reihe von Maßnahmen der Reform und Öffnung eingeleitet hat, gehören deutsche Firmen wie BASF, BMW und Allianz zu den ersten Nutznießern.

Blicken wir in die Zukunft, so stellt sich die Frage, welche Chancen sich für China und Deutschland aus der Zusammenarbeit in der Neuen Seidenstraße ergeben. Im April dieses Jahres hat Präsident Xi auf dem zweiten Internationalen Gipfel der BRI seine Vorstellungen von einem qualitativ hochwertigen gemeinsamen Ausbau der Neuen Seidenstraße dargelegt. Im Mai hat Bundeskanzlerin Merkel anlässlich ihres Besuches des Hamburger Hafens den offensichtlichen Nutzen nachdrücklich geäußert, den die BRI für die Entwicklung des Hamburger Hafens bedeutet. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hat die Initiative als Schwerpunkt aufgelistet und fördert das Verständnis der deutschen Unternehmen für die gewaltigen Chancen. Bei meinen Antrittsbesuchen bin ich in Städten und Bundesländern immer wieder auf die Initiative angesprochen worden. Das Interesse ist sehr groß.

Blicken wir auf das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, tritt die internationale Zusammenarbeit der BRI in eine neue Phase, wobei China und Deutschland ihre Kooperation weiter vertiefen können.

Erstens heißt es bei der Festlegung der Regeln mitwirken. Deutschland ist Gründungsmitglied der Asiatischen Infrastruktur- und Investmentbank (kurz: AIIB), viertgrößter Aktionär und größter außerregionaler Investor. Die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit im Rahmen der AIIB bei gemeinsam finanzierten Projekten erweist sich als äußerst fruchtbar. Einschließlich Deutschland gehört Europa bei der Festlegung der Regeln und Standards zu den maßgebenden Stimmen und Kräften. Wenn in Zukunft die Standards für die Kooperation im Rahmen der BRI weiter verbessert werden, ist Deutschland ebenfalls eingeladen, mitzuwirken und einen Beitrag zu leisten.

Zweitens heißt es Drittmärkte erschließen. Viele deutsche Firmen haben bereits begonnen, im Rahmen der BRI aus der Zusammenarbeit mit Dritten Nutzen zu ziehen. So haben zum Beispiel Siemens und Voith gemeinsam mit über hundert chinesischen Firmen Märkte in Übersee erschlossen. Der Hafen Duisburg beteiligt sich gerade aktiv am Aufbau eines chinesisch-weißrussischen Industrieparks und verhandelt mit chinesischen Firmen über eine Intensivierung der logistischen Zusammenarbeit. Die Kooperation auf Drittmärkten ist ein Modell für eine Art internationaler Zusammenarbeit, die von Offenheit und Toleranz, Pragmatismus und Effektivität geprägt ist. Sie verkörpert überzeugend die goldene Regel der BRI, die heißt: Mitdiskutieren, Mitgestalten und Mitprofitieren. Außerdem hilft sie den beteiligten Parteien, auf dem Wege über Synergieeffekte neue Antriebskräfte freizusetzen und eine Wirkung des wechselseitigen Vorteils nach der Formel zu erzielen, nämlich „1+1+1 ist größer als 3".

Drittens heißt es die ökologische Entwicklung vorantreiben. Früher haben wir immer „zunächst verschmutzt und dann die Schäden behoben“. Im Zuge seiner wirtschaftlichen Entwicklung will China nicht länger den alten Weg beschreiten. Daher wird beim Ausbau der Neuen Seidenstraße allergrößter Wert auf die ökologische Verträglichkeit und den Umweltschutz gelegt. Es geht darum, eine „grüne Seidenstraße“ zu errichten. Wir werden weiterhin an den Konzepten von Offenheit, Ökologie und Redlichkeit festhalten und haben in Hinblick auf Dinge wie Finanzierung, Korruptionsbekämpfung und Umweltschutz für den nächsten Schub in der optimalen und nachhaltigen Entwicklung der Neuen Seidenstraße eine ganze Reihe von Maßnahmen eingeleitet. Die deutsche Seite ist eingeladen, hier mitzuwirken und ihre reiche Erfahrung einzubringen.

Meine Damen und Herren,

Die Welt befindet sich an einem Scheidepunkt und sieht sich vor die Wahl gestellt. Wollen wir Mauern oder Brücken? Multilateralismus oder Unilateralismus? Der gemeinsame Ausbau einer Neuen Seidenstraße steht für die Unterstützung einer offenen Weltwirtschaft und weltweit partnerschaftlicher Beziehungen. Unserseits besteht die Hoffnung, dass sich noch mehr Länder und Unternehmen, Deutschland natürlich auch, an der Initiative beteiligen.

Als chinesischer Botschafter in Deutschland werde ich mich dafür einsetzen, die bilateralen Beziehungen und die Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil voranzubringen.

Ich danke Ihnen!

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